Ein Zirbenbett, oder: Für einen Hauch von Luxus

Man könnte es durchaus als den “American Dream” bezeichnen, nur dass diese Geschichte hier nicht in Amerika spielt. Aber es ist dennoch eine Geschichte von einem kometenhaften Aufstieg: Vom Geisteswissenschaftler zum Millionär. Oder so ähnlich. Doch man soll eigentlich bei einer guten Geschichte das Ende nicht vorwegnehmen, von wegen Spannungsaufbau. Doch wer reich ist wie ich, der muss sich nicht um Konventionen scheren.

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Alles begann also so: Aus irgendeinem nicht näher bestimmbaren Grund entschied ich mich nach ein paar Jahren mehr oder weniger glücklicher Arbeitsverhältnisse dafür, zu studieren. Und zwar nicht nur irgendetwas, sondern es musste etwas her, das garantiert KEINEN Nutzen hatte. Gesagt getan, nachgedacht und bald schon inskribiert: Und zwar für die Fächer Philosophie und Literaturwissenschaft. Mir erschien diese Kombination ideal, zumal man mit beiden Fächern etwas umgehen konnte, das nicht zu mir zu passen schien: Karriere. Diese beiden Fächer, zumal noch in dieser absolut einzigartigen Kombination sind der Garant, dass man es später einmal im Arbeitsleben schwer hat. Und das Beste daran ist immer, dass man sein eigenes Scheitern mit einem schönen philosophischen Zitat legitimieren und argumentieren kann. Es erschien mir ideal zu sein. Genau das richtige für mich. Ich sah, dass es gut war.

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Wichtig ist dabei zu bedenken, dass es zwar eigentlich, dank bis dahin absolut fehlender Knock-Out-Prüfungen und Zugangsbeschränkungen, sehr einfach ist diese Fächer zu inskribieren, es aber schon ein wenig mehr Geschick braucht, um auch nach außen hin wie jemand auszusehen, der die „No-Future-Bewegung“ auf ein neues Level gehievt hat. Die Frage ist dabei diffizil: Wie schaffe ich es wie ein Geiwi-Student auszusehen? Wer glaubt dass es genügt, in Sachen Kleidung keinen allzu großen Wert auf ebendiese zu legen, der irrt gewaltig. Alles war und ist Inszenierung, Konstruktion, Kultur.

Nur wer die Zeichen richtig interpretiert und zu seinen Gunsten vereinnahmt, kann überleben. Man sollte niemals mit einem Hugo-Boss Anzug zu einer Literaturwissenschaftler-Party kommen. Man würde nicht nur auffallen sondern wäre sofort als Karrierist gebrandmarkt. Und zugleich sind die Literaturwissenschaftler semiotisch so gebildet, dass es auch nicht reicht, in zerrissenen Jeans und mit Nirvana-Shirt aufzutauchen. Ein wenig mehr diskursiver Einfallsreichtum war schon vonnöten. Eine Herausforderung, die ich jedenfalls meist mit Bravour meisterte, aber das war wieder eine andere Geschichte.

Nach der Bekleidungsfrage kommt jedenfalls, konsequenter- und notwendigerweise, eine andere Frage zum Vorschein: Man muss in der richtigen WG wohnen. BWL-Studenten, die in der Früh brav aufstehen sind dabei Tabu, unter Exzessen mit halblegalen Substanzen und Schamanen-Trommeln  bis tief in die Nacht ist gar nichts zu machen. Kurzum: Alles artete zu jeder Zeit in Arbeit aus, auf Schritt und Tritt lauerte der Feind, das falsche Verhalten. Das konnte man wiederum so argumentieren: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“. Das ganze System rundherum war falsch, also war es auch unsere Aufgabe, ja unsere Verantwortung, uns nicht darum zu kümmern und die Möglichkeiten, die uns mehr oder wenig offen stehen würden, einfach zu ignorieren und mit Abscheu zu betrachten.

Anders gesagt: auch wenn es Chancen auf Karriere geben würden, so müssten wir diese Chancen leichtfertig ablehnen und stattdessen beweisen, dass wir zumindest ein bisschen richtiger lebten oder zumindest die richtige Einstellung zum falschen Leben hatten bzw. wussten, dass es kein richtiges leben im falschen gab und uns deshalb richtig verhielten. Oder so ähnlich. Nach ein paar Bierchen bei einer der vielen der nächtlichen WG-Partys war es aber ohnehin zunehmend schwieriger, diesen verdrehten und verschachtelten Gedankenkonstruktionen zu folgen.

Von der Matratze zum Zirbenbett…

Man trank ein bisschen, redete ein bisschen gescheit daher oder was man dafür hielt und ging danach zu Bett. Natürlich nicht wirklich in ein Bett, sondern auf eine Matratze, die irgendwo an der Wand oder in der Ecke eines kleines Raumes lag. Schafwolle, Zirbenbett? Fehlanzeige. Wer einmal in einem Zirbenbett pennt, der gehört schon zum Establishment – so dachten wir zumindest damals. Oder so ließe sich zumindest das, was wir damals dachten, auf dieses Thema übertragen.

Auf einem Zirbenbett schläft es sich gleich viel ruhiger und entspannter...

Auf einem Zirbenbett schläft es sich gleich viel ruhiger und entspannter…

Szenenwechsel, heute, 8 Jahre später. Man war älter geworden. Reifer. Und hatte vielleicht sogar akzeptiert, dass zwar kein richtiges Leben im falschen führen konnte, dass man es sich aber zumindest, bis zur Veränderung des Systems, gut gehen lassen konnte. Der Kapitalismus machte keine Anzeichen, sich zu verabschieden, auch wenn er ein wenig ins Straucheln geraten war.

Und im Gegensatz zu den Intellektuellen früher, siehe Sartre & Co., hatten wir auch keine ernsthaften Utopien mehr zu alternativen Systemen. Das mit dem Kommunismus war ja schließlich auch nicht so gut gelaufen, wie es sich Marx einst erträumt hatte. Was konnte man also tun: Abwarten und Tee trinken. Und, ich gebe es zu, vor kurzem habe ich mir auch ein Zirbenbett gekauft. Verheiratet bin ich auch schon seit Jahren. Man könnte also mit gutem Recht fragen, ob das nicht schon Bürgertum oder gar Spießertum ist. Zum Glück ließ mich das Zirbenbett und die dazu gehörigen Pölster friedlich und erholsam schlummern.

Was ist jetzt aber mit dem Millionär in der Einleitung geworden? Das war, so ehrlich muss ich sein, nur ein kleiner Trick, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Ich hoffe man verzeiht mir. Irgendwo musste man ja sein akademisches Wissen um Textstrategien usw. unterbringen. Wie der gute Umberto Eco zwischen dem semantischen und dem semiotischen Leser unterschiedet, das kann schon was. Alle die mir hier auf dem Leim gegangen sind, sind eindeutig semantische Leser.

In welcher Position befand ich mich nun aber? In der moralisch richtigen oder in einer Position, die ich früher als Student abgelehnt hätte? Eines war zumindest klar: Ich schlief bessere als früher, was sicherlich nicht zuletzt dem Zirbenbett geschuldet war. Auch ein bisschen Geld hatte ich in der Tasche, auch wenn ich nicht zum Millionär geworden war… Aber mit einem Zirbenbett stand mir das, frisch erholt und rund 3500 Herzschläge pro Tag gespart, auch noch offen. Für einen Hauch von Luxus war man auch mal bereit, sich ein wenig vom richtigen Leben zu verabschieden, das es ja ohnehin nicht gab. Ein Zirbenbett mochte ein kleiner Schritt für die Menschheit sein, aber ein riesengroßer für mich.

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